Öfter ein Trauerspiel

  1. November 2010 / Schaufenster Mettmann

Bestatter Claus Frankenheim will Tod begreifbarer machen

 

(SP) Es gibt Statistiken, die sind zum Sterben schön: Rund 18 000 Tote – so wurde ermittelt – hat der durchschnittliche Fernsehkonsument im Alter von 14 Jahren heutzutage im Rahmen von Nachrichtensendungen und Dokumentationen gesehen. Doch im wahren Leben bleibt der Tod ein Geheimnis –  und seine Bewältigung immer öfter ein Trauerspiel.

 

Der Düsseldorfer Bestatter Claus Frankenheim, der auch in Mettmann eine Filiale besitzt, und dessen Familienunternehmen seit 1872 ein Produkt anbietet, „was jeder braucht, aber keiner will“, weiß um das Siechtum eines enttabuisierten Umgangs mit dem Tod. Er sagt: „In unserer modernen Gesellschaft verfällt die Todesritualisierung rapide.“ Sterben im Umfeld der Angehörigen, eigenhändiges Waschen und Ankleiden des Toten, Aufbahrung im offenen Sarg in der Wohnung. Gestorben! Wir haben alles an Trauerzeremonien und -ritualen, die wir brauchen“, so Frankenheim. „Alleine – wir nutzen sie kaum noch.“

Damit einher ginge die zunehmende Schwierigkeit vieler Hinterbliebener, Trauer nachhaltig zu bewältigen, richtig Abschied zu nehmen. Hektische Betriebsamkeit, ein „Sich-in-die-Arbeit-stürzen“ ersetze die Trauerarbeit, die einen Trauerweg darstelle. Frankenheim bekommt stets menschliches Anschauungsmaterial für diesen Trend geliefert – seit 2003 bietet er im Zwei-Wochen-Rhythmus sowohl offene als auch geschlossene Trauerkolleg-Gruppen an. „Heute ist der Sinn für die bewusste Trauerkultur früherer Generationen verloren gegangen. Werden wir mit dem Tod konfrontiert, begegnen wir ihm meinst völlig unvorbereitet“, so der Fachmann.

 

Verunsicherung bei Kindern

 

Er spricht von Teilnehmern, die die Realität schlichtweg tot schweigen. Frankenheim: “Es gibt Fälle, da hört man: ‚Nein, mein Mann ist nicht gestorben.’“ Es würde viel drumherum geredet, das Wiederaufnehmen zwischenmenschlicher Beziehungen vor allem von jüngeren Hinterbliebenen sei mitunter extrem schwierig. Es falle schwer, etwa erstmals allein zu verreisen. Womit man bei den Kindern und dem Tod ist. „Die Formulierung, dass die gestorbene Oma auf eine weite Reise gegangen ist, ist eines der Beispiele, warum unser Sprachgebrauch für Verunsicherung bei Kindern sorg“, sagt Claus Frankenheim. Schlimmer sie nur noch, „dass der Opa eingeschlafen ist!“ Die Kleinen entwickelten naturgemäß Ängste, abends ins Bett zu gehen.

 

Derzeit arbeitet der Bestatter mit drei Kitas zusammen. Begleitet von Erwachsenen führt Frankenheim die Kinder durch sein Unternehmen. Sie nehmen Urnen in die Hand, schauen sich Särge von innen an. „Wir sehen uns Gräber – auch Kindergräber – an.“ Ergänzend werden Bilder gemalt, Eindrücke verarbeitet. Den Eltern werden Gesprächsnachmittage angeboten, um Hilfestellungen bei der Erklärung des Todes für den Nachwuchs zu liefern. Dazu zählt auch, die Kinder bei Beerdigungen nicht automatisch auszuschließen.

„Kinder sind sensibel genug, um zu spüren, was bei einem Trauerfall in der Familie los ist – und sie sind mitunter von einer geradezu brutalen Offenheit.“ Anteilnahme bekommt in diesem Zusammenhang eine zweite Bedeutung. Damit Kinder nicht nur per TV mit dem Tod konfrontiert werden, sondern auch Antworten erhalten.

Die nächsten Termine des offenen Trauertreffs bei Frankenheim sind der 25. November der 9. und 23. Dezember, Münsterstraße 75, jeweils von 16 bis 18 Uhr.

error: Dieser Inhalt ist kopiergeschützt!